Sonntag, 9. Mai 2010

Die Therapiesitzung oder Biss zur Abendstunde

Die Vorbereitungen meinerseits erstrecken sich auf verschiedenen Ebenen:
-literatur-technisch: gefühlte 100 Seiten Ausdrucke aus den verschiedensten Foren über Anwendung, Wirkung, Haltung, Nachsorge...nach dem Motto lesen sie die Packungsbeilage und oder fragen sie ihren Arzt oder Veterinär.
-medizinisch-technisch: Lanzette, Gummihandschuhe, Mullkompressen, Mullbinden. Die Pinzette erspar ich mir und dem Egel, ich trau mich den durchaus an zugreifen, kann ja auch nicht ekliger sein als Frösche, Kröten und Blindschleichengetier an zufassen. Er wird schon nicht wild um sich beißen, der kleine Vampir. Sieht ja so harmlos aus wie ein dicker, brauner Regenwurm, aber halt mit Beißwerkzeugen und die in Form eines Merzedessterns, wie edel. Liebhaber anderer Automarken müssen wohl oder übel, entweder auf den Markenbiss verzichten oder mit falschem Emblem an Knöchel rum laufen. Vielleicht ist der Preis jenseits der 10 € pro Tier dem Niveau deutscher Markenautos angepasst. Möcht nicht wissen was die Rolls-Royce Bissform kostet.
-betäubungsmittel-technisch: Bierchen für mich und dann transfusionell auch für den Egel.
-Immobilientechnisch: neues Wohnheim postoperativ, mit frischem Brunnenwasser, Kieselsteinchenboden (zum Häuten?!), Dachfenstereinbau (sprich Luftlöcher im Deckel des 4-Liter-Einmachglases, gedämpftes Licht (weil das Egel dunkelliebend) usw. sprich standesgemäße oder vielmehr artgerechte Haltung. Wenn ich denen noch ein Kinderzimmer zur Kokonablage einbaue, spricht auch nichts gegen die erfolgreiche Weiterzucht.
So bestens ausgerüstet, die beiden Hämatologen im Transportgefäß geschultert, mache ich mich auf den Weg zu meiner Mitprobantin. Die ihrerseitigen Vorbereitungen sind schon abgeschlossen, der Op-Bereich: will heißen 2 Stühle zum Draufsitzen, gegenüber 2 Stühle mit Froteehandtuchabdeckung zur Fußlagerung.

R.: „ich wusste nicht so recht was ich vorbereiten sollte“ …sieht aber ganz gut aus.

Unsere weitere Vorgehensweise will gut geplant werden. Rosis Gatte ist noch nicht anwesend, so dass wir alle benötigten Utensilien nahe unserem Achillessauger platzieren müssen.

-Gummihandschuhe? Hier

-Tupfer? In der Tüte

-Egel? Im Plastikbecher

-Lanzette? Nicht zum Egelspießen, sondern zum Bluttröpfchenlocken, damit auch an der richtigen Stelle gebissen wird.

-Anästhesie? Bierchen öffnen und parat stellen

- Wer zuerst? Rosi, weil mit Egel am Fuß kann ich ihr ja schlecht noch einen ansetzen.

Womit Rosi nicht wirklich, oder nur mit Widerwillen dank Spritzenphobie gerechnet hat, nicht nur der Egel wird sie pieksen, nein auch ich. Ob die Freundschaft weiter bestehen bleibt wird sich zeigen. Problemlos mit leichtem Schubsen gummibezogener Finger gleitet der Egel auf ihre Sehne…Mündchen in Stillposition saugt er los…“Iiijjjhhh, aaauuuah“ die Zähnchen schlagen sich in die Haut…Gleiche Prozedur an meinen beiden Innenknöcheln…der rechtseitige Dickere hat den besseren Durst „das ist ein wilder Beißer“ …der Linke saugt auch ganz gut, aber der ist relativ schnell satt…fällt ab und lässt sich nicht animieren eine Zugabe, Zuugabe, Zuuugaabe zu geben. R.: „Jetzt muss ich aber mal auf Toilette!!“ dann lauf vorsichtig los. Auf halbem Weg überlegt sich ihr Egel, dass er sie nicht auf die Toilette begleiten will und lässt sich auf den Boden fallen….auch satt…ihr hilfsbereiter Gatte fängt die satte Schlange ein ohne selbst gebissen zu werden. Ab morgen bewirbt er sich im Reptilium als Schlangenbändiger. Mit Mullkompressen und Binden werden die Kampfspuren abgedeckt und wir warten auf den sich einstellenden Erfolg.